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Attraktiv ab Stückzahl 1

03.02.2009 – Von frühen Phasen der Produktentwicklung bis hin zum technischen Vertrieb lassen sich VR-Technologien mittlerweile vielseitig einsetzen. Aber nur wenige kleine und mittelständische Unternehmen schöpfen dieses Potenzial voll aus. Dr. Christoph Runde, technischer Geschäftsführer des Virtual Dimension Center (VDC) in Fellbach, erklärt, woran es liegt und wie sich mit Hilfe von VR Produkte schneller entwickeln und besser vermarkten lassen.

AUTOCAD Magazin: Was bedeutet für Sie Virtual Reality?

Dr. Christoph Runde: Klassischerweise wird Virtual Reality als computergenerierte, dreidimensionale Umgebung verstanden, in die der Benutzer eintaucht. Dies umfasst zumeist stark interaktive, stereoskopische Darstellungen, bei denen das Benutzerverhalten über Headtracking rückgekoppelt wird.
Am Virtual Dimension Center haben wir allerdings mittlerweile den Begriff des Virtual Engineering in den Vordergrund gestellt, also die Integration von Geometriemodellen mit korrespondierenden Entwicklungswerkzeugen für die Analyse, Simulation, Optimierung und Entscheidungsfindung in der Produktentwicklung und Produktionsplanung. Ein wichtiges Ziel dabei ist es, die multidisziplinäre, kooperative Zusammenarbeit in der Entwicklung zu unterstützen.

AUTOCAD Magazin: In welcher Form befasst sich das Virtual Dimension Center mit dem Thema VR?

Dr. Christoph Runde: Wir betreiben Cluster Management und Technologietransfer. Wir versuchen also, die Zusammenarbeit zwischen Firmen, Forschungseinrichtungen, Lehranstalten und öffentlichen Körperschaften, die sich im Thema engagieren, zu intensivieren. Gleichzeitig tragen wir das Thema in den Außenraum. Wir sind der festen Überzeugung, dass speziell bei kleinen und mittelständischen Unternehmen noch viel Potenzial vorhanden ist.

AUTOCAD Magazin: Welche Dienstleistungen werden angeboten?

Dr. Christoph Runde: Zunächst sammeln wir aktuelle Informationen zum Technologiebereich und bereiten sie auf, so dass sich diese bei uns abrufen lassen. Dazu zählen unter anderem Studien. Markt-und Technologiestudien führen wir auch selbst durch. Wir veröffentlichen einen monatlichen Newsletter, der von allen Interessierten abonniert werden kann (E-Mail an: info(at)vdc-fellbach.de). Mittels Marketingmaßnahmen und Veranstaltungen tragen wir das Thema Virtual Engineering nach außen und stehen für dort Interessierte als Sparringspartner zur Verfügung. Hierzu zählt ebenso unser Erstberatungsangebot: Unternehmen, die auf der Suche nach Lösungen für bestimmte Aufgaben sind, können sich an uns wenden. Wir identifizieren daraufhin passende Anbieter und stellen den Kontakt her. Gesprächstermine können dann, falls gewünscht, bei uns am VDC stattfinden. Das VDC hat ein eigenes Demonstrationszentrum, so dass sich Interessenten hier einen praktischen ersten Eindruck möglicher Lösungen verschaffen können. Dieses vermieten wir auch für Workshops oder Tagungen. Unsere Mitglieder unterstützen wir bei der Fachkräfte-
Rekrutierung und der Akquisition öffentlicher Fördermittel, etwa seitens der EU, des Bundes oder der Region. Über Lobby- und Gremienarbeit versuchen wir, die hervorragende Stellung, die unsere Unternehmen und Forscher im Themenfeld haben, zu vermitteln. Schließlich gibt es bei uns einige Facharbeitsgruppen, die inhaltlich fokussiert zusammenarbeiten, etwa zu Vertriebs-anwendungen oder PLM.
Zudem bieten wir den kostenfreien 3D-Fitness-Check an, mit dem ein Unternehmen schnell, unkompliziert und unverbindlich das eigene Einsatzpotenzial von 3D-CAD, Simulation und VR-Einsatzpotenzial herausfinden kann.

AUTOCAD Magazin: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Softwareanbietern wie zum Beispiel Autodesk aus?

Dr. Christoph Runde: Die Firma Autodesk als einer der größten Lösungsanbieter in unserem Themengebiet ist uns mit ihren Produkten natürlich gut bekannt. Wir haben stabile Kontakte zu Autodesk und wissen damit, an wen wir uns im Falle einer Anfrage wenden können. Gleichzeitig bestehen Kontakte zu den Systemhäusern in unserer Region, die Autodesk-Produkte betreuen. Informationen über neue Lösungen und wichtige Unternehmensnachrichten bis hin zu Veranstaltungshinweisen nehmen wir für gewöhnlich in unseren monatlichen Newsletter auf. Momentan arbeiten wir an einem Bildungsatlas „Virtual Engineering" für Baden-Württemberg. Auch dort sollen Trainingsangebote von Anbieterfirmen und Systemhäusern mit erscheinen.
Gleichwohl ist Autodesk, anders als Dassault Systèmes oder Siemens PLM Software, noch nicht Mitglied des Virtual Dimension Center. Wir können uns eine verstärkte Zusammenarbeit aber sehr wohl vorstellen.

AUTOCAD Magazin: Wie nutzen mittelständische Unternehmen heute schon VR-Lösungen und wie profitieren sie davon?

Dr. Christoph Runde: Mittelständische Unternehmen nutzen heute schon die ganze Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten des VR: Package-, DMU-, Montage-, Styling-Analysen sind im Einsatz, ebenso die Arbeit mit Struktur- und Strömungsmodellen. Cockpits, Arbeitsplätze, Fabriken und Gebäude werden virtuell begangen, ergonomische Aspekte lassen sich berücksichtigen. Nutzerbefragungen zeigen den größten Nutzen in Qualitätsverbesserungen, da man umfangreichere Produkteigenschaften frühzeitig realistisch testen kann und gleichzeitig verstärkt Alternativvergleiche möglich sind. Mittel- bis langfristig werden sich dadurch auch Einsparpotenziale einstellen, da reduzierte Fehlerfolge-kosten, Rückrufe und Produkthaftungsfälle natürlich die Bilanz entlasten.

AUTOCAD Magazin: In welchen Branchen sehen Sie noch Defizite?

Dr. Christoph Runde: Wir beobachten, dass im Maschinen- und Anlagenbau der Durchdringungsgrad noch nicht so hoch ist wie beispielsweise im Automobilbau oder wie in der Luftfahrtindustrie. Häufig wird argumentiert, dass sich die Investition in VR-Technologie nur bei sehr hohen Stückzahlen lohne und daher für den Maschinen- und Anlagenbau nicht so attraktiv sei, da hier viele Sonderfertigungen mit der Stückzahl 1 das Werk verlassen. Letztlich erhöhen sich bei Unikaten aber die Testanforderungen und machen einen umfassenden Einsatz von VR noch eher erforderlich. Auch ist zu berücksichtigen, dass hier natürlich viel auf Plattformstrategien zurückgriffen wird - die Stückzahl 1 ist also relativ zu sehen.
Auch im Architekturumfeld ist der Einsatz von VR noch keine Selbstverständlichkeit. Zögernde Architekturbüros sind hier der Meinung, dass ihre Kunden keine Mehrkosten für die Erstellung von VR-Modellen aufbringen würden. Letztlich lässt sich aber mit hochrealistischen, begehbaren Modellen der Akquisitionserfolg steigern und Kompetenz demonstrieren. Aufwände für den Einsatz von VR können über gesteigerte Umsatzerlöse wieder eingespielt werden.

AUTOCAD Magazin: Worauf sollten Unternehmen achten, wenn sie eine VR-Lösung einführen?

Dr. Christoph Runde: Zunächst sollte eine umfassende, neutrale Beratung vorangehen, in der Fragen der Zielstellung, der geplanten Intensität der Nutzung, der Aufstellung des Unternehmens bearbeitet werden.
Die Einführung selbst erfolgt am besten sukzessive mit einem Pilotprojekt. Anfangs ist zu überlegen, Dienstleistungen extern zuzukaufen, um nicht alle benötigten Kompetenzen selbst sofort aufbauen zu müssen. Der Erfolgsfaktor der Einführung ist sicherlich, alle Handlungsfelder der Einführung im Auge zu behalten. Dazu zählen die Unternehmensstrukturen - also Aufbau-, Ablauforganisation, Reengineering -, die Humanressourcen - also Qualifikationen, Rollenzu-weisungen, kulturelle Faktoren -, die richtige Beschaffung und Erweiterungsplanung der Ausstattung, die strategische Einbindung und die gut umgesetzten operativen Maßnahmen der Einführung.

AUTOCAD Magazin: Welche Fehler werden hier besonders häufig gemacht und wie lassen sich diese vermeiden?

Dr. Christoph Runde: Je nach betrachtetem Fall liegen die Probleme auf verschiedenen Ebenen. Häufig führt die schlichte Nichtbeachtung eines der zuvor angeführten Handlungsfelder zu Problemen: Die strategische Zielsetzung des Themas wurde beispielsweise nicht bestimmt, Arbeitsabläufe wurden undefiniert gelassen, Verantwortlichkeiten blieben unklar, niemand auf Top-Management-Ebene unterstützte und förderte das Thema VR, Qualifizierungen waren nicht vorhanden, die Kommunikation in das Unternehmen wurde vernachlässigt, die technische Integration ließ zu wünschen übrig.
Will man diese Fehler vermeiden, gilt es, die Grundsätze des klassischen IT-Projektmanagements zu berücksichtigen und allen Handlungsfeldern der Einführung Rechnung zu tragen. Tauchen hier Fragen auf, die man selbst nicht beantworten kann, sollte man sich Hilfe ins Boot holen. Diese gibt es beispielsweise bei neutralen Systemhäusern oder Forschungsinstituten. Auch wir vom VDC unterstützen gerne.

AUTOCAD Magazin: Wie stellen Sie sich den Konstruktionsarbeitsplatz der Zukunft vor, welche Rolle wird VR dabei einnehmen?

Dr. Christoph Runde: Wir sind der Überzeugung, dass Konstruktion künftig noch multidisziplinärer und verteilter als heute erfolgen wird. Die Überprüfung von Produktei-genschaften mittels Simulation bereits während früher Phasen der Produktentwicklung wird sich verstärken. Die Zusammenarbeit in verteilten Teams, zum Beispiel über kollaborative, verteilte Echtzeit-SD-Umgebungen, wird stärker unterstützt.
Wir meinen, dass der Arbeitsplatz des Konstrukteurs künftig lokal mehr VR-Komponenten enthalten wird: Autostereoskopische Displays sind sehr erschwinglich geworden und steigern sich qualitativ. In den USA werden mittlerweile preisgünstige stereoskopische Displays angeboten, die in sehr großen Abmessungen erhältlich sind. Wir erwarten die nächste große Preisdegression für Tracking-Systeme. Die Spielekonsolen haben hier die Richtung vorgegeben.
Gleichzeitig wird es aber in den Unternehmen natürlich nach wie vor zentrale VR-Rechenzentren geben, in denen die Großsysteme, etwa Powerwalls, vorgehalten werden. Nicht nur die schiere Größe der Projektion wird für 1:1-Darstellungen gewünscht. Solche Großprojektionen eignen sich hervorragend für das kooperative Arbeiten.

AUTOCAD Magazin: Herr Dr. Runde, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: AUTOCAD Magazin 2/09