03.02.2009 – 1. Herr Schiek, wie erleben Sie aktuell die Lage Im Maschinenbau?
Volker Schiek: Als katastrophal. Selbst bekannte, schwäbische Vorzeigeunternehmen haben seit Ende Februar einen Rückgang der eingehenden Aufträge um bis zu 50 Prozent zu verkraften. Die Unternehmer tragen die Situation allerdings noch mit Fassung, weil die Krise global ist und die heimischen Firmen doch recht gut aufgestellt sind. Jeder möchte die Krise irgendwie überstehen, deren Tiefpunkt vermutlich erst im dritten Quartal erreicht ist, und dann gestärkt daraus hervorgehen.
2. Was heißt das konkret?
Volker Schiek: Forschung und Entwicklung laufen in den meisten Firmen mit Volldampf, weil nur Innovative die Krise überleben. Und die Zeiten sind gut zum Netzwerken, weil die Firmen nach Wegen aus der Krise gieren und die Manager sich Zeit zum Zuhören nehmen. Sie wollen nun wissen, wie sich ihr Betrieb etwa an die Medizintechnikbranche heranführen lässt. Denn fürs Tissue-Engineering, also die künstliche Gewebezüchtung, braucht man auch Reinräume, Sensorik oder Robotik. Oft können Kapazitäten in neue Schlüsseltechnologien umgeswitcht werden, mit denen Windräder, Solarmodule oder Turbinen für Wasserkraftwerke produziert werden. Auch die C02-Minimierung von Motoren, Stichwort grüner Antriebsstrang, ist ein Megathema, oder die Speicherkapazität von Batterien zu vervielfachen, um Elektroantriebe ohne Stromquelle attraktiv zu machen.
3. Welche Rolle kommt dabei dem Kompetenznetzwerk zu?
Volker Schiek: Wir fördern und begleiten den Wissens- und Technologietransfer von Hochschulen in Fabriken und moderieren interdisziplinäre Forschungsverbünde, die sich oft nur aus drei Unternehmen unterschiedlicher Branchen und zwei Universitäten mit unterschiedlichen Forschungskompetenzen zusammensetzen. Diese entwickeln gemeinsam Zukunftstechnologien. Wir komponieren diese Teams, weil wir wissen, wo was läuft und wer fachlich und menschlich in etwa zu wem passt. Diese Vorgehensweise ist aufwendig, bringt aber deutlich mehr als große, runde Tische, an denen 30 und mehr Beteiligte sitzen, die über Absichtserklärungen nicht hinaus kommen.
4. Was prognostizieren Sie dem Maschinenbau?
Volker Schiek: Er darf nicht mehr in Komponenten, sondern er muss in lernenden Systemen, Anlagen und Organisationen denken. Nur dann sind Quantensprünge möglich, wie sie beispielsweise das Laserschneiden vor 20 Jahren waren oder die Migration der Software in die Güter. Lernenden Fabriken und reflektierenden Mitarbeitern gehört die Zukunft. 1995 lag Deutschland bezüglich internationaler Wettbewerbsfähigkeit auf Rang sechs - heute belegen wir Platz 16. Wir müssen wieder nach vorne kommen, um auf den Zukunftsfeldern Gesundheit, Sicherheit, Mobilität und Klima die Produktionstechnik zu liefern. Die Zukunft der Branche sehe ich in der Befähigung der Maschinenbauer, Produktionstechnik für zukunftsrelevante Schlüsseltechnologien zu entwickeln, auf denen Massengüter rund um die Themen Gesundheit, Sicherheit, Mobilität, Klima und Ressourcen flexibel und von hoher Qualität produziert werden.
5. Wie soll das gelingen?
Volker Schiek: Mit Unternehmen wie Daimler und Festo oder auch dem VDMA und dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung hat das Göppinger Mechatronik-Netzwerk Anfang März den Verein ManuFuture-BW gegründet, der mit der lernenden Fabrik der Zukunft experimentiert. In ihrer Initiative »Fabriken der Zukunft« hat die EU ein Förderprogramm von 1,2 Milliarden Euro aufgelegt, um die sich der Verein im Wettbewerb bewirbt. Damit finanzieren wir den Forschungsverbund, der an den Methoden, Prozessen und Technologien arbeitet, um die Güter von morgen serienreif, flexibel, effizient und fehlerfrei zu produzieren.
Volker Schiek ist seit 2005 Geschäftsführer des Kompetenznetzwerks Mechatronik. Der Göppinger Verein umfasst 80 Unternehmen mit 25.000 Mitarbeitern und hat seinen Sitz im Stauferpark (Businesshaus). Er will die Innovationskultur in Firmen fördern, aus- und weiterbilden.
Quelle: Automation 2/2009